Ein rhythmischer Weg zum Hinduismus

Von Dr.in phil. Karin Bindu

Erschienen in: „Ursache und Wirkung“, Dez.2006, 15.JG, 1020 Wien

Als ich 1991 erstmals nach Indien reiste, befand ich mich in einem Prozess beginnender Sensibilisierung: durch Trommeln und durch die Praxis schamanischer Körperhaltungen von Felicitas Goodman erlebte ich ein sukzessives Eintauchen in andere Wirklichkeiten, Kommunikation mit Geistwesen und Spüren von Aspekten der Transzendenz.

Die überraschende Begegnung mit einem Hersteller klassischer nord- und südindischer Perkussionsinstrumente (Tablas, Mrdangam), der mir ersten Tabla Unterricht gab, führte mich weg vom indischen „Tempeltourismus“ in die unmittelbare Realität indischer Musik. K.J.K. Thomas war christianisierter „Tribal“, der seine ursprüngliche Spiritualität mit Hinduismus und Christentum zu einer energetisch sprühenden Mischung verbunden hatte.
Seine hingebungsvolle Liebe zu den Instrumenten und den Rhythmen, die er darauf spielte, war für mich damals reines gelebtes bhakti - spürbar, hörbar, transzendent.

Durch das Mitsprechen von Silben (ta, dha, dhi, tu u.a.), die einzelne Schlagkombinationen für oben genannte Instrumente bedeuten, verbindet sich der Atem mit den rhythmischen Bewegungen der Finger beider Hände, was bei mir Lawinen innerer Bilder auslöste: ich meditierte sozusagen rhythmisch ein bis zwei Stunden pro Tag in zum Teil ungewöhnlichen „ungeraden“ talas. Botschaften über höhere Ordnungen, Assoziationen und Hinweise für die Kommunikation mit den Mitmenschen erreichten mein Bewusstsein während des Spielens- zusätzlich fühlte ich mich durchflutet von göttlicher Energie, die mein Leben auf allen Ebenen durchdringen konnte.

Der nächste Lehrer- L.Gopan war Hindu, der jeden Tag um 4 Uhr morgens aufstand um drei bis vier Stunden Tablas zu üben, bevor er zur Arbeit ging. Frühmorgens unterrichtete er mich (1992), abends gingen wir zum Gebet am Schrein Ganeshs vor dem Sri Padmanabha Tempel in Trivandrum. Die Beobachtung praktizierender Hindus und deren ausgeglichene Ausstrahlung, Gopan`s Hingabe und die vergöttlichte Verehrung seines Guru bewirkten in mir eine vertiefte Wahrnehmung der Verbundenheiten zwischen Göttlichem, Menschlichem und Musischem.

Die Gottheiten des Hindu Pantheon wirkten damals auf mich greifbar, nahbar, man konnte sie schmücken, mit „ghee“ bewerfen, sie durch Licht und Speiseopfer nähren, sie berühren, zu ihnen sprechen und sie durch Musik erfreuen. Die Buntheit ihrer vielfältigen Manifestationen, die Vollkommenheit der „Rhythmus- Kultur“, und die alle Elemente einbeziehenden komplexen Rituale der pundits haben in mir eine allumfassende „Sinnlichkeit“ geweckt, die ich noch bei keiner anderen Form religiöser Verehrung erlebt habe.

Die damalige Rückkehr von Indien führte zu einem radikalen Lebenswandel und einer mehrjährigen Wanderphase, in der mir ein „mobiler Schrein“ mit diversen „Paraphernalien“, darunter einem elefantenköpfigen Sri Ganesh auf Glasplatte, dienlich war.

Lord Shiva´s Energie wirkt durch mich beim Trommeln, unabhängig davon, ob ich auf afrikanischen oder indischen Instrumenten spiele. Für meine Identität als Trommlerin ist er von besonderer Bedeutung.

Im Jahre 2004 gesellte sich Sri Devi (Lakhsmi Devi, Göttin des Glücks, Reichtums, der Vegetation, in Kerala vielerorts verehrt) zu den vorher genannten Hindu-Gottheiten, die ich seitdem an unserem „Hausaltar“ verehre.

Neue Erfahrungen als Mizhavu Schülerin vom Lehrer Eswaranunni am Kutiyattam Department des Kerala Kalamandalam, State Academy of Performing Arts haben mir durch tägliches Erleben religiöser Verflechtungen mit dem Alltag und der Kunst weitere Einblicke in den gelebten Hinduismus eröffnet, und mich mit Lord Vishnu bekannt gemacht- er erreichte in dem Moment mein Bewusstsein, als ich mich dafür entschied, den Weg einer Mizhavu Trommlerin für die Hindu Gottheiten fortzusetzen, die im Kutiyattam, der ältesten Sanskrit Theater Form, dargestellt werden.